Der Traum vom eigenen Unternehmen ist weit verbreitet. Doch der Gedanke, den sicheren Job zu kündigen und ins kalte Wasser zu springen, hält viele davon ab. Die gute Nachricht ist: Sie müssen nicht sofort alles auf eine Karte setzen. Sidepreneurship – also das Gründen neben dem Hauptberuf – ist heute einer der sichersten und beliebtesten Wege in die Selbstständigkeit.
Dieser Ansatz ermöglicht es Ihnen, Ihre Geschäftsidee zu testen, erste Kunden zu gewinnen und stabile Einnahmen zu generieren, während Ihr Gehaltsscheck weiterhin die Miete zahlt. Doch Vorsicht: Zwei Jobs gleichzeitig zu jonglieren, erfordert Disziplin, Planung und Strategie.
In diesem Artikel führen wir Sie durch die 5 entscheidenden Schritte, um Ihr Business neben dem Job erfolgreich zu starten.
Schritt 1: Die Ideenfindung und Validierung (Das Fundament)
Viele angehende Gründer scheitern nicht am fehlenden Kapital, sondern daran, dass sie ein Produkt entwickeln, das niemand braucht. Bevor Sie Geld investieren oder ein Gewerbe anmelden, müssen Sie Ihre Idee auf Herz und Nieren prüfen.
1.1 Finden Sie Ihr „Warum“ und Ihre Nische
Eine erfolgreiche Geschäftsidee liegt oft an der Schnittstelle von drei Bereichen:
- Leidenschaft: Was tun Sie gerne, auch ohne Bezahlung?
- Kompetenz: Worin sind Sie wirklich gut?
- Marktbedarf: Wofür sind Leute bereit, Geld auszugeben?
Suchen Sie nach Problemen in Ihrem Alltag oder in Ihrer Branche, die ungelöst sind. Ein Business ist im Kern nichts anderes als eine Problemlösung gegen Bezahlung.
1.2 Die Validierung: Testen vor dem Investieren
Der größte Fehler ist, monatelang im „stillen Kämmerlein“ an einem Produkt zu basteln. Gehen Sie so früh wie möglich raus.
- Sprechen Sie mit potenziellen Kunden: Fragen Sie nicht Freunde und Familie (die sind oft zu nett), sondern Fremde, die zur Zielgruppe gehören. Fragen Sie: „Wie lösen Sie aktuell Problem X?“ und „Was stört Sie daran?“
- Landing Page erstellen: Bauen Sie eine einfache Webseite, die Ihr Angebot beschreibt, noch bevor das Produkt fertig ist. Sammeln Sie E-Mail-Adressen von Interessenten.
- Der „Smoke Test“: Versuchen Sie, Ihre Dienstleistung oder Ihr Produkt vorab zu verkaufen. Wenn Leute bereit sind, jetzt schon zu zahlen oder sich auf eine Warteliste zu setzen, haben Sie einen Markt.
Tipp: Nutzen Sie das Business Model Canvas. Dies ist ein visueller Plan auf einer Seite, der Ihnen hilft, Ihr Geschäftsmodell (Kunden, Einnahmequellen, Kosten) schnell zu skizzieren, ohne einen 50-seitigen Businessplan schreiben zu müssen.
Schritt 2: Rechtliche Rahmenbedingungen und Planung (Der Bürokratie-Check)
In Deutschland (und vielen anderen Ländern) können Sie nicht einfach loslegen. Wenn Sie angestellt sind, haben Sie Pflichten gegenüber Ihrem Arbeitgeber und dem Staat. Dies ist der trockenste, aber wichtigste Schritt, um Ärger zu vermeiden.
2.1 Der Arbeitgeber
Bevor Sie starten, werfen Sie einen Blick in Ihren Arbeitsvertrag.
- Informationspflicht: In den meisten Fällen müssen Sie Ihren Arbeitgeber über die Nebentätigkeit informieren.
- Genehmigung: Oft benötigen Sie eine schriftliche Genehmigung. Der Arbeitgeber darf diese in der Regel nur verweigern, wenn Ihre Arbeitsleistung unter der Nebentätigkeit leidet oder Sie in direkte Konkurrenz zum Unternehmen treten.
- Wettbewerbsverbot: Arbeiten Sie in einer Marketingagentur, dürfen Sie privat meist keine Marketingkunden abwerben.
2.2 Die Rechtsform wählen
Für den Start bieten sich meist einfache Rechtsformen an:
- Einzelunternehmen / Kleingewerbe: Schnell gegründet, kostengünstig, aber Sie haften mit Ihrem Privatvermögen.
- Freiberufler: Wenn Sie eine „katalogähnliche“ Tätigkeit ausüben (z.B. Journalist, Designer, Berater, Arzt), gelten Sie als Freiberufler. Sie müssen kein Gewerbe anmelden, sondern sich nur beim Finanzamt melden. Das spart Gewerbesteuer.
2.3 Steuern und Finanzamt
Sobald Sie die Absicht haben, Gewinn zu erzielen, müssen Sie dies dem Finanzamt melden (Fragebogen zur steuerlichen Erfassung).
- Kleinunternehmerregelung: In Deutschland können Sie sich von der Umsatzsteuer befreien lassen, wenn Ihr Umsatz im Vorjahr unter 22.000 € lag und im laufenden Jahr 50.000 € nicht übersteigen wird. Das bedeutet weniger Bürokratie, aber Sie können auch keine Vorsteuer geltend machen.
2.4 Sozialversicherung
Solange Ihr Hauptjob die Haupteinnahmequelle und den zeitlichen Schwerpunkt bildet, bleiben Sie in der Regel über den Arbeitgeber krankenversichert. Verdienen Sie jedoch im Nebenjob mehr oder arbeiten mehr Stunden dort als im Hauptjob, könnten die Krankenkassen Sie als „hauptberuflich selbstständig“ einstufen, was teuer werden kann. Klären Sie dies vorab mit Ihrer Krankenkasse.
Schritt 3: Zeitmanagement und Organisation (Die Doppelbelastung meistern)
Das größte Hindernis beim nebenberuflichen Gründen ist nicht Geld, sondern Zeit. Nach einem 8-Stunden-Tag noch Motivation für das eigene Business aufzubringen, erfordert exzellentes Selbstmanagement.
3.1 Feste Zeitfenster blocken (Time Blocking)
Behandeln Sie Ihre Zeit für das Business genauso verbindlich wie Ihre Zeit im Hauptjob.
- Der „5-bis-9“-Ansatz: Nutzen Sie die Stunden vor der Arbeit oder nach Feierabend.
- Wochenend-Sprints: Nutzen Sie Samstagvormittage für konzentrierte Arbeit (Deep Work).
3.2 Prioritäten setzen
Sie haben weniger Zeit als Vollzeit-Gründer. Deshalb müssen Sie radikal priorisieren.
- Vermeiden Sie „Busy Work“ (z.B. stundenlang das Logo perfektionieren).
- Konzentrieren Sie sich auf „Money Making Activities“ (Verkauf, Produktentwicklung, Marketing).
- Nutzen Sie das Pareto-Prinzip (80/20-Regel): 20% Ihrer Aktivitäten sorgen für 80% des Ergebnisses. Identifizieren Sie diese 20%.
3.3 Energie-Management
Zeit ist statisch, Energie ist dynamisch.
- Wenn Sie ein „Morgenmensch“ sind, arbeiten Sie eine Stunde an Ihrem Business, bevor Sie zum Hauptjob gehen.
- Achten Sie auf Pausen. Burnout ist eine reale Gefahr für Sidepreneure. Planen Sie bewusst freie Abende ein, an denen weder gearbeitet noch über das Business nachgedacht wird.
Schritt 4: Der Start und das Marketing (Sichtbar werden)
Die Vorbereitungen sind getroffen. Jetzt geht es darum, das Produkt auf den Markt zu bringen (Go-to-Market). Perfektionismus ist hier Ihr Feind.
4.1 Das MVP (Minimum Viable Product)
Starten Sie mit der kleinstmöglichen Version Ihres Produkts, die funktioniert.
- Wollen Sie einen Online-Kurs verkaufen? Starten Sie mit einem PDF-Guide oder einem Live-Webinar, bevor Sie 50 Videos produzieren.
- Wollen Sie Mode verkaufen? Starten Sie mit drei Designs, nicht mit einer ganzen Kollektion.
Das Ziel ist es, schnell Feedback zu bekommen und das Produkt am Markt zu verbessern („Build-Measure-Learn“ Zyklus).
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4.2 Marketing mit kleinem Budget
Als Gründer haben Sie anfangs meist kein großes Marketingbudget. Nutzen Sie „organisches“ Wachstum:
- Content Marketing: Schreiben Sie Blogartikel, machen Sie Videos oder Podcasts über Probleme Ihrer Zielgruppe. Positionieren Sie sich als Experte.
- Social Media: Nutzen Sie LinkedIn (für B2B) oder Instagram/TikTok (für B2C), um Ihre Reise zu dokumentieren („Build in Public“). Menschen kaufen gerne von Menschen.
- Netzwerken: Gehen Sie auf Branchen-Events (digital oder physisch). Persönliche Empfehlungen sind am Anfang Gold wert.
4.3 Der erste Verkauf
Nichts validiert ein Business so sehr wie der erste Euro auf dem Konto. Feiern Sie diesen Erfolg! Bitten Sie den ersten Kunden sofort um Feedback und eine Referenz (Testimonial), die Sie für weiteres Marketing nutzen können.
Schritt 5: Finanzen, Optimierung und Skalierung (Wachstum)
Ihr Business läuft, die ersten Einnahmen kommen rein. Jetzt müssen Sie wie ein Unternehmer denken, nicht mehr wie ein Bastler.
5.1 Trennung der Finanzen
Eröffnen Sie zwingend ein separates Geschäftskonto. Vermischen Sie niemals private Ausgaben mit geschäftlichen. Dies ist essenziell für die Übersicht und für das Finanzamt.
5.2 Reinvestition
Nehmen Sie die Gewinne am Anfang nicht heraus, um Ihren Lebensstil zu finanzieren (Sie haben ja Ihren Hauptjob). Reinvestieren Sie 100% der Gewinne in das Wachstum:
- Bessere Software/Tools.
- Werbeanzeigen (Ads) zur Kundengewinnung.
- Weiterbildung.
5.3 Outsourcing
Sie werden an einen Punkt kommen, an dem Sie keine Zeit mehr haben.
- Identifizieren Sie Aufgaben, die Sie hassen oder nicht gut können (z.B. Buchhaltung, Grafikdesign, Kundensupport).
- Lagern Sie diese an Freelancer oder virtuelle Assistenten aus. Dies erkauft Ihnen Zeit, um am Kern des Geschäfts zu arbeiten.
5.4 Der Absprung (Wann kündigen?)
Dies ist die große Frage. Wann wird aus dem Nebenberuf der Hauptberuf?
Ein guter Richtwert ist:
- Ihr Nebeneinkommen deckt zuverlässig (!) mindestens 75-100% Ihrer monatlichen Fixkosten.
- Sie haben Rücklagen für 6 Monate aufgebaut.
- Sie sehen einen klaren Weg, wie Sie den Umsatz verdoppeln können, wenn Sie 40 Stunden mehr Zeit pro Woche hätten.
Häufige Fehler, die Sie vermeiden sollten
Um diesen Leitfaden abzurunden, hier eine Warnung vor den klassischen Fallstricken:
- Unterschätzung der Doppelbelastung: Unterschätzen Sie nicht, wie anstrengend es ist, 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Achten Sie auf Ihre Gesundheit.
- Konflikt mit dem Chef: Vernachlässigen Sie niemals Ihren Hauptjob. Er ist Ihr Investor. Wenn Ihre Leistung dort einbricht, verlieren Sie Ihre finanzielle Sicherheit.
- Zu späte Buchhaltung: Sammeln Sie Belege von Tag 1 an. Ein Schuhkarton voller ungeordneter Quittungen am Jahresende kostet Sie Nerven und Geld beim Steuerberater.
- Fehlender Fokus: Versuchen Sie nicht, drei Geschäftsideen gleichzeitig zu starten. Konzentrieren Sie sich auf eine Sache („Laser Focus“).
Fazit: Der Weg lohnt sich
Ein Unternehmen neben dem Beruf zu starten, ist wie ein Marathon, kein Sprint. Es erfordert Geduld, Verzicht und harte Arbeit. Aber es ist auch eine der lohnendsten Reisen, die Sie antreten können. Es bietet Ihnen die Möglichkeit, finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen, ohne das Risiko der Arbeitslosigkeit einzugehen.
Fangen Sie klein an, aber fangen Sie an. Der perfekte Zeitpunkt wird nie kommen – der beste Zeitpunkt ist jetzt.